Über mich und mein Instrument

Diese schlichte, doch tief bedeutende Einsicht markiert den Anfang einer jahrzehntelangen inneren und äußeren Reise des Münchner
Musikers Ebed Gümüsel. Die Ney – eine aus Schilfrohr gefertigte Flöte mit über 5000 Jahren Geschichte, bereits im alten Sumer bekannt – wurde für ihn zu einem Gefährten der Seele, zur Brücke zwischen Klang und Stille, zwischen Atem und Andacht.

Die Ney besteht traditionell aus neun Abschnitten (boğum) und hat sieben Tonlöcher (perde). Ein Mundstück aus Wasserbüffelhorn (başpare) wurde ihr erst im Osmanischen Reich hinzugefügt. Schutzringe aus Metall (parazvane) schützen ihre empfindlichen Enden. Ihr Ton entsteht nicht durch bloßes Blasen, sondern durch das präzise Lenken des Atems am Rand des Mundstücks– eine Kunst, die jahrelange Hingabe und Übung erfordert.

Einer der spirituell tiefsten Aspekte des Ney-Spiels liegt darin, dass der Hauch, der sie zum Klingen bringt, das uralte „Hu“ hervorbringt – der Gottesname im Sufismus, der auf Arabisch „Er“ bedeutet. In der Tradition wird das Spiel der Ney als ein Akt der ständigen Gotteseingedenkheit (dhikr) verstanden – der Spieler (Neyzen) haucht nicht nur Klang, sondern Andacht in das Rohr.

 

Ebeds musikalischer Weg nahm Gestalt an, als Ali Ortapinar – Theologe, geistlicher Musiker und erfahrener Ney-Spieler – seinNey-Meister wurde. Unter seiner Anleitung erschloss er sich die Tiefe der osmanischen Makam-Musik, deren feine
Tonabstufungen und modalen Strukturen nicht temperiert, sondern natürlich und emotional geführt sind. 

 

Seit über 35 Jahren widmet sich Ebed mit Leidenschaft dieser musikalischen Welt. Sein Spiel wird oft als mystisch, meditativ und vielschichtig beschrieben. Seine Musik eröffnet Räume der Sammlung, Stille und inneren Einkehr.
Er wurde musikalisch geprägt von legendären Ney-Meistern wie Kutb-ül Nayî Niyazi Sayın und Akagündüz Kutbay, ebenso wie von zeitgenössischen Künstlern wie Mercan Dede, Max Richter, Dr. Murat Salim Tokaç, Yurdal Tokcan oder Ross Daly. Seine Arbeit bewegt sich zwischen klassischer osmanischer Hofmusik, spiritueller Poesie, zeitgenössischen Klanglandschaften und elektronischen Dialogen.

Zu seinen Veröffentlichungen zählen Werke wie *Gedichte, Geschichten und Musik der Sufis“ (in Zusammenarbeit mit Olaf Dankert), Bearbeitungen wie „Lullaby“ von Max Richter und zahlreiche eigene Kompositionen. In Projekten wie „Musiki Muhabbet“ (mit dem Udisten *eref Dalyanoglu und dem Kanunisten Emre Can Erol) verbindet er musikalisches Gespräch mit lebendiger Tradition.

Besonders am Herzen liegt ihm die Weitergabe der Makam-Musik. Als Lehrer vermittelt er nicht nur Technik und Theorie, sondern auch eine Haltung des Zuhörens, der inneren Einkehr und der Achtsamkeit – als musikalische Praxis wie als spiritueller Weg.

Ein besonders prägender Moment war eine Begegnung mit dem großen Sufi-Heiligen Sultan ul-Awliya Mawlana Shaykh Nazimal-Haqqani.
Bei einem Vorspiel vor dem Meister in einem Sufi-Dergah in Berlin stimmte Shaykh Nazim spontan eine ergreifende Kaside (Lobpreisung) an. Anschließend offenbarte er Ebed ein tiefes geistiges Geheimnis über den inneren Wert und die spirituelle Kraft der Makam-Musik. Diese Begegnung wurde zu einer lebenslangen Quelle der Inspiration und inneren Bestätigung auf seinem musikalisch-spirituellen Weg.